Der Dorfladen in Ruttershausen

 

Dorfladen Ruttershausen: mehr als Lebensmittel !

Durch die Behindertenrechtskonvention hat die Integration von behinderten Menschen in die Gesellschaft hohe Relevanz bekommen. In diesem Bestreben hat die Hofgemeinschaft eine Möglichkeit gesucht, Bewohner des Hofguts in die umliegenden Ortschaften zu integrieren. Dabei sollen die Friedelhäuser keine Fremdkörper im Dorf sein. Das ist am besten zu erreichen, wenn sich beim Zusammenleben sowohl für die Menschen mit Behinderung, als auch für die Dorfbewohner ein positiver Effekt einstellt. So sollen Menschen mit Behinderung nicht nur Nachbarn, sondern auch Anbieter einer Dienstleistung sein, die im Dorf gebraucht wird. Bei den Bürgern in Ruttershausen besteht der Wunsch nach einer Nahversorgungsmöglichkeit mit Lebensmitteln im Ort. Daher die Idee: Lebensmittelversorgung im Ortskern, evtl. verbunden mit einem freundlichen Lieferservice. Angesichts der alternden Bewohnerstruktur könnte dies eine „win-win“ Situation sein.

Für diesen Zweck wurde in Ruttershausen ein geeignetes Objekt gefunden. Das Haus in Untergasse 1-3 wird ein Apartment für 3 Menschen mit Behinderung und eine abgeschlossene Wohnung für Betreuer beherbergen. Im Untergeschoss werden Räumlichkeiten für einen Dorfladen sein. Die Idee erinnert an das alte Modell des „Tante Emma“ Ladens, denn alle Bewohner (Betreuer und Betreute) sollen ein Teil des Dorfladenpersonals sein.

Der Betreiber des Dorfladens wird die Hofgemeinschaft sein, die im Haus Wohnenden werden festgelegte Aufgaben im Tagesbetrieb haben. Der Dorfladen soll nicht primär eine Konkurrenz der Lollarer Lebensmittelbetriebe sein, sondern soll den Grundbedarf an Haushaltsartikeln und an Lebensmitteln von Bewohnern des Dorfes decken helfen. Das Lebensmittelsortiment wird daher am Bedarf im Dorf orientiert. Hier besteht auch die Möglichkeit, bestellte Waren an die Kunden im Dorf auszuliefern. Menschen mit Behinderung haben zwar keine Fahrerlaubnis, sind aber im Straßenverkehr eines Dorfes orientiert und sicher. Sie können also als Lieferanten (zu Fuß oder per Rad) diese Dienstleitung anbieten. Neben dem Ladengeschäft soll hier auch ein Kommunikationsort entstehen. Zu diesem Zweck sind im Erdgeschoss auch Sitzmöglichkeiten geplant, damit Besucher bei Kaffee und Kuchen verweilen können. Eine weitere, wenn auch saisonal abhängige Kundschaft sind die Radfahrer und Paddler. Da sowohl der Radweg, als auch die Lahn in der warmen Jahreszeit gut frequentiert sind, besteht hier ein erhebliches Absatzpotential. Die Hofgemeinschaft hat auf diesem Gebiet bereits reichliche Erfahrungen, da sie an der Lahn-Anlegestelle in Odenhausen Bio-Picknicks und Bewirtung für Kunden der Fa. Lahntours anbietet.

Lage und Geschichte:

Die Häuser Untergasse 1 und 3 befinden sich in der Dorfmitte, direkt am Zusammentreffen der Unter-, Ober- und Mittelgasse. In unmittelbarer Nähe befindet sich die alte Lahnbrücke (erbaut 1901), die Ruttershausen mit dem gegenüber liegenden Ortsteil Kirchberg verbindet und über die jetzt der Lahnradweg führt. Ebenfalls in der Nähe ist eine Lahnanlegestelle. Dieser Lahnübergang ist bereits im Mittelalter als Teil einer alten Heerstraße belegt und bildete über Jahrhunderte – zunächst als Furt, 1591 gab es bereits eine Brücke – die frühere Hauptstraße durch Ruttershausen. Hier befindet sich der historische Ortskern mit einstmals fünf Gaststätten im direkten Umfeld der alten Lahnbrücke.

Das Ensemble Untergasse 1 – 3 entstand in der heutigen Form aus der früheren Gastwirtschaft „Zur Tanne“ (Untergasse 1), dem wohl ältesten Fachwerkhaus im Ort (datiert 1684). Anfang des 20. Jh. kaufte dessen damaliger Besitzer und Wirt Friedrich Schön das benachbarte Anwesen (Untergasse 3) auf Abbruch. An dessen Stelle ließ er 1905 den Saalbau aus massivem Schlackenstein/Backstein errichten und änderte den Namen in „Wirtschaft zum Alten Fritz“. Der hintere Teil des neuen Saales (ursprünglich betrug dort die lichte Raumhöhe knapp 5 m) diente anfangs als Turnhalle. 1907 gründeten hier 34 Ruttershäuser Burschen den TV „Gut Heil“ Ruttershausen (heute Turnervereinigung Ruttershausen). Auch einer der beiden Ruttershäuser Gesangvereine wurde hier 1906 gegründet.

Der Sohn von Friedrich Schön betrieb im „Alten Fritz“ zwischen den beiden Weltkriegen zusätzlich zur Gastwirtschaft einen „Spezereihandel“, so bezeichnete man damals einen Dorfladen.

1966 wurde das Anwesen im „Geist der damaligen Zeit“ umgebaut und anschließend abermals umbenannt: Mit „Lillys Diskothek“ – Inhaberin war jetzt Lilly Saßning geb. Schön, Enkelin des oben genannten Friedrich Schön und Großmutter der jetzigen Eigentümerin Bettina Hendrixson – zog der Rock’n’Roll in Ruttershausen ein.

Seit Anfang dieses Jahrtausends stehen die Gebäude leer.

Am 1. Oktober 2015 hat die Hofgemeinschaft das Gebäude übernommen und wird es zu dem genannten Zweck umbauen. Der Baubeginn ist für das Frühjahr 2016 vorgesehen. Es sind strenge denkmalschutzrechtliche Auflagen zu beachten, da das Haus zum Kernbereich der Ruttershäuser Dorfentwicklung (IKEK) gehört. Die vom Architekturbüro Ruhl&Geissler ausgearbeiteten Baupläne liegen bereits vor, die Baugenehmigung wurde im September 2015 erteilt.

Es ist zu hoffen, dass die an das Projekt gestellten Erwartungen erfüllt werden und dass die Hofgemeinschaft in Ruttershausen eine angesehene und geschätzte Institution wird.